Der achtfache Pfad

  1. rechte Ansicht/rechte Einsicht
  2. rechtes Motiv/rechte Besinnung
  3. rechte Rede
  4. rechtes Tun
  5. rechter Lebensunterhalt
  6. rechte Anstrengung
  7. rechte Achtsamkeit
  8. rechte Konzentration

Alle Anleitungen beginnen mit „rechtes“. Darunter ist ganz allgemein „auf das Ganze bezogen“, „vollständig“, „was angemessen ist“, „was weder einseitig noch zwiespältig ist“ zu verstehen.
Die beiden ersten Regeln beziehen sich auf das Denken und die Gesinnung. Tun beginnt nicht erst mit der Tat. Die Vorbereitung für die Tat findet sich immer im Denken, ob bewusst oder unterbewusst.
Die Regeln drei bis sechs beziehen sich auf menschlich/sittliches Verhalten.
Und bei den letzten beiden Regeln geht es um ein mentales Training, den Zugang zu einer vertieften Betrachtung der Wirklichkeit.

1. rechte Ansicht/rechte Einsicht

Wirklichkeit ist, was ist und ist nicht, was nicht ist. Wirklichkeit existiert selbständig und unabhängig und kümmert sich nicht darum, ob wir von ihr Notiz nehmen. Rechte Ansicht soll dazu anleiten, die Dinge möglichst wahrheitsgetreu wahrzunehmen. Auch wenn es keine objektive Wahrheit gibt, so kann man doch mehr oder weniger subjektiv sein. Ausgeprägte Subjektivität ist dann mehr oder weniger täuschend, verzerrend und auf den unmittelbaren eigenen Vorteil bedacht. Zu einem Sachverhalt kann man verschiedene Standpunkte einnehmen und es ist sinnvoll, einen Sachverhalt von mehreren Seiten her zu betrachten. Dies gibt einem die Freiheit, selbst die Betrachtungsweise verändern zu können und sich nicht in einen Standpunkt zu verbeißen.

2. rechtes Motiv/rechte Gesinnung

Meint, man solle sich seiner eigenen Motive zuerst bewusst werden, aus denen heraus man handelt. Die Motivationen sollen zuerst untersucht und die Ideen gereinigt werden, bevor man sich in Aktivitäten stürzt. Bevorzugt geht es hier darum, dass man weder sich selbst noch anderen etwas vormacht. Es geht darum, sich sämtlicher Motive seines Handelns im Klaren zu sein, sie zu ergründen und mit sich selbst ehrlich und achtsam umzugehen. Rechtes Motiv führt zu innerer Überzeugung. Es entschwindet, das Gefühl der Opfer-Rolle und erwartet daher auch keinen Dank. Denn das, was man tut, macht man voller Sinn und mit Freude. Rechtes Motiv ist immer voller Güte, friedvoll wohlwollend.

3. rechte Rede

Unter rechter Rede verstehen die Shaolin eine Sprache, die nicht zu Haß, Feindschaft, Uneinigkeit und Zweitracht führt. Das bedeutet auf Lüge, Verleumdung, auf die Rede eines Schmeichlers, leeres Geschwätz oder Klatsch zu verzichten. Es empfiehlt auch, auf das Anheizen allgegenwärtig vorhandener, niederer Instinkte wie Gewalt, Sensation oder sinnlose Flucht zu verzichten. Statt dessen sprechen Buddhisten mit ehrenhaften, friedfertigen und heiteren Worten wohlwollend, den Tatsachen gemäß, wertvoll.

4. rechtes Tun

Rechtes Tun ist furchtlos. In jeder Situation heraus soll den Umständen entsprechend zweckmäßig und zum Wohl der Gemeinschaft gehandelt werden. Denn das Überleben der Gemeinschaft inkludiert das persönliche Überleben. Alles was Friede, Ruhe, Harmonie erzeugt, was geistig gewinnbringend ist, das heißt zu Erkenntnis, Weisheit und Wohlbefinden führt, ist erwünscht. Gesundheit und materieller Wohlstand sind ein Nebenprodukt von Erkenntnis, Weisheit und Wohlbefinden und materieller Wohlstand ist keine Sünde. Reichtum ist nicht an sich gut oder böse, man kann ihn auf eine ehrliche und wohlwollende Art und Weise erwerben oder auch nicht, und man kann Reichtum benützen um andere zu unterstützen oder auch nicht. Unabhängigkeit und Eigenverantwortung sind aus buddhistischer Sicht auch im materiellen Bereich erstrebenswert.
Dass es im Buddhismus nicht um Moral, Gebote und Verbote geht, erwartet ein westlicher Mensch zuallererst nicht. Die buddhistische Ausrichtung und Atmosphäre hat weniger mit Religion im westlichen Sinne gemein, als mehr mit einem geistigem Fitness-Center, Massage und Sauna. Es geht darum, dass man sich vom Leiden befreien kann, dass man sich wohl fühlt, gesund ist und neue Einsichten gewinnt. Das Handeln soll nicht auf Gehorsam und blindem Befolgen von Geboten basieren, denn aus Schwäche erwächst kein Gewinn, weder materieller noch geistiger Natur. Rechtes Handeln gründet auf Einsicht, Verstehen und innerer Überzeugung.
Ganz allgemein geht es beim rechten Tun weniger um Moral/Gehorsam und es geht letztendlich auch nicht um Gut oder Böse, Richtig oder Falsch, als vielmehr um das Erlangen von Erkenntnis und Weisheit. Ein weiser Mensch handelt nach eigener, innerer Überzeugung und damit zugleich in Harmonie mit dem gesamten System, sein Tun unterliegt seiner Selbstverantwortung und nicht einer moralischen Gehorsamkeit. Alle Gedanken selbstsüchtigen Begehrens, des Hasses und der Gewalt sind nur das Ergebnis von Unwissenheit, also von mangelnder Erkenntnis. Erkenntnis beinhaltet nicht nur intellektuelles Verstehen, sondern auch Reinheit der Gedanken und Gefühle und schließt immer auch Wohlwollen ein. Wohlwollen und Güte sind wesentlich wichtiger als sittliche und moralische Zucht.

5. rechter Lebensunterhalt

Stellt klar, es ist zukunftsträchtiger seinen Unterhalt mit einer Tätigkeit zu verdienen, welche andere Lebewesen unterstützt. Zum Töten und Essen von Tieren gilt folgendes: Fleisch essen ist nicht verboten. Es kann unter Umständen sogar notwendig sein. Nahrung die gewonnen werden kann, ohne tierisches Leben zu zerstören, soll jedoch den Vorzug erhalten. Wenn Tiere getötet werden, sollte dies rasch, leidenschaftslos, ohne Gier und Hass geschehen. Es geht um ein Maßhalten und ein sich-zurückhalten mit Handlungen, die mit Töten von Tieren verbunden ist.

6. rechte Anstrengung

Umfasst geistige Anstrengung, die sowohl Gedanken als auch Gefühle und Emotionen umfasst. Unsere eigenen Gedanken und Gefühle sind der Stoff, die unseren Geist füllen und von denen wir uns geistig ernähren. Auf der körperlichen Ebene sind wir an Sauberkeit und Hygiene gewöhnt. Wir waschen uns jeden Tag, putzen jeden Tag zweimal unsere Zähne und das lernen wir schon als kleines Kind. Mentale Sauberkeit wird uns nicht von Kindesbeinen an beigebracht. Wir nehmen uns selten Zeit gewahr zu werden womit wir unseren Kopf füllen und damit prägen oder vielleicht sogar schädigen. All das kann als Zeichen für eine ausgeprägte körperbetonte Lebenseinstellung gewertet werden.
Zur rechten Anstrengung gehört auch das Einüben folgender Eigenschaften, welche im Buddhismus eine wichtigen Stellenwert haben: Wohlwollen und Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut. Wohlwollen ist ein zentraler Begriff. Es ist das zentrale Prinzip in der Haltung zu Mitmenschen. Wohlwollen bedeutet eine grundsätzlich positive Geisteshaltung gegenüber anderen. Wohlwollende Menschen begegnen ihren Mitmenschen in der Güte, ihn so leben zu lassen wie er es selbst für zweckmäßig empfindet und helfen dabei, falls er dies wünscht.

Das Einüben von zweckmäßigen Gedanken ist eine Art meditatives, mentales Training. Bei diesen Übungen beginnt man immer bei sich selbst. Der erste Schritt ist, zu sich selbst „wohlwollend“ zu werden; sich selbst mit all seinen Fehlern und Schwächen annehmen zu lernen. Dann dehnt man diese Haltung auf die nähere und weitere Umgebung aus. Erstes großes Ziel ist das grundsätzliche Annehmen können von Wirklichkeit. Die Tatsache, dass „Wohlwollen zeigen“ bei sich selbst beginnen soll, stößt im Westen oft auf Missverständnis und wird leicht als „egoistisch“ bezeichnet. Auf der Ebene der materialistischen, vom Ganzen abgetrennten Sichtweise trifft diese Behauptung auch zu. Beim buddhistischen Grundverständnis, sich „als Teil eines Ganzen mit einem ursächlichen Bezug zu diesem Ganzen“ zu verstehen, bedeutet „bei sich selbst anzufangen“, den ersten Schritt zu setzen.

Auch Mitgefühl sollte auf emotionsfreie Art entgegengebracht werden. Wenn man jemanden unterstützen möchte, dann bringt man Mitgefühl für seine Situation und unterstützt, falls gewünscht, mit kühlem Kopf und Verstand, ruhig und neutral, etwa so, wie ein Arzt etwas schädliches erkennt und entfernt.

Mitfreude ist das Gegenstück zu Mitgefühl. Sie ist die Fähigkeit, sich über das Wohlergehen, den Erfolg und die Zufriedenheit anderer zu freuen, ohne Eifersucht und Neid.

Gleichmut bedeutet ein bewusstes geistiges Gleichgewicht, eine gewisses innere Losgelöstheit. Hier geht es darum, nicht einseitig sondern im Gleichgewicht zu sein und sich nicht so leicht aus der Fassung bringen zu lassen.

7. und 8. rechte Achtsamkeit und rechte Konzentration

Beide Pfade betreffen ein Bewusstseinstraining, dass man eine Meditation im weitesten Sinn bezeichnen kann. Alle anderen sechs Pfade sind die Vorstufe für die beiden Letzten. Hier geht es nicht mehr um konkrete Anweisungen für das Denken und Handeln, sondern um das Bewusstwerden der emotionalen und mentalen Prozesse.

Es gibt keinen Buddhismus ohne praktische Übungen, und diese wird im allgemeinen Meditation genannt. Dabei gibt es unzählige Techniken und Methoden, die im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende entwickelt worden sind. Es gibt nicht nur eine Technik, wobei bestimmte Arten für bestimmte buddhistische Richtungen typisch sind. Für die Shaolin-Mönche sind die Meditation im Sitzen und in der körperlichen Bewegung, im Qi Gong und im Gong Fu, von zentraler Bedeutung.

Meditieren bedeutet „innehalten, gewahr werden, fühlen und spüren, bewusst werden“. Ein Großteil der öffentlichen Meinung scheint eine innere Entwicklung zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Auch hört man zuweilen, Meditation sei eine fernöstliche, uns fremde Sitte, die nichts mit der westlichen Kultur zu tun hätte. Meditieren hat aber ebenso wenig mit Kultur zu tun wie Denken, Gehen, Schlafen oder Körpertraining.

Dabei ist die Entwicklung der eigenen Fähigkeit ganz wichtig. Ein Blinder der im Dunkeln herumtappt, kann keine Gefahr frühzeitig erkennen und ihr somit auch nicht ausweichen oder eine andere Möglichkeit ergreifen. Er bedarf oft der Unterstützung durch seine Umgebung.

Meditieren bedeutet, zuerst die eigenen Möglichkeiten und Einschränkungen wohlwollend wahrzunehmen und sich von eventuellem Ballast zu befreien, allerlei unzweckmäßigen Unrat auszuräumen. Eigenständigkeit, Vertrauen in sein eigenes Urteil und sein eigenes Gefühl sowie Furchtlosigkeit entstehen. Meditation ist dient der eigenen Gewahrwerdung und ihr Wert zeigt sich darin, ob sie dem persönlichen Wohlergehen zuträgliche ist. Eine meditative Haltung ist nicht auf eine bestimmte Position bezogen. Sie ist vielmehr eine bewusste, offene Geisteshaltung bei einer Tätigkeit. Die Achtsamkeit im täglichen Tun ist Teil der siebten Regel. Der Übergang zur achten Regel, rechte Meditation ist fließend. Bei beiden Regeln geht es um die Erhöhung der Achtsamkeit.

In buddhistischen Ländern sind Klöster Kulturzentren, die auch von Laien aufgesucht werden und Mönche sind hochgeachtet, da sie einen Bewusstheitsgrad, eine Klarheit und eine Weisheit erhaben, die sie anderen zur Verfügung stellen können. Auch Wirtschaftsfachleute und Politiker nutzen diese Dienstleistungen eines Kulturzentrums.

Es gibt nicht nur verschiedene Meditationspraktiken. Es gibt auch verschiedene Meditationsziele. Entspannung und Konzentration bilden bei allen Techniken die Vorstufe. Dann stellt sich die Frage, was bezweckt werden soll. Das Gleichnis mit dem Gehirn als Fernseher ist hier nochmals zweckmäßig: Das Gehirn ist das Fernsehgerät mit dem verschiedene Programme empfangen werden können. Je höherwertig das Gerät, desto mehr Programme können gespielt werden und desto mehr Möglichkeiten stehen zur Auswahl. Ein Ziel im Buddhismus ist auf die Fokussierung des Geistes gerichtet, auf eine tiefe Sammlung und Konzentration, Samadhi, genannt. Manchmal auch als „Einspitzigkeit des Geistes“ bezeichnet.
Die Achtsamkeit ausgewählter Meditationen kann sich auf vier verschiedene Ebenen richten: den Körper (die materielle Ebene), die Gefühle und Empfindungen (die emotionale Ebene), das Denken/den Geist (die mentale Ebene) und das Dharma, die Bedingungen der menschlichen Existenz.

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